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Der Tierarzt und das liebe BARF – Von Hunden und fleischfressenden Kaninchen

Viele Tierärzte pochen darauf, Trockenfutter sei das Beste und viele Tierbesitzer halten dem entgegen, der Hund braucht kein Getreide, er ist ein Fleischfresser und kein Kaninchen. An dieser Stelle will ich als aller erstes entschieden darauf hinweisen, dass in der Kaninchenernährung Getreide nichts verloren hat. Kaninchen sind keine Granivoren (Getreidefresser). Ihr Magen-Darm Trakt ist überhaupt nicht auf das stärkereiche Getreide ausgelegt. Füttert man sie damit, führt das sehr leicht zu sehr ernstzunehmenden Erkrankungen. Wenn man also auf das Thema Trockenfutter beim Hund kontern möchte, dann doch bitte mit: Der Hund braucht kein Getreide, schließlich ist er kein Hamster.

Die Frage nach der Notwendigkeit von Getreide im Hundefutter ist einfach zu beantworten.

Braucht ein Hund Getreide?
Nein.

Können Hunde aus Getreide Energie ziehen?
Ja.

Allerdings muss das Getreide, aufgeschlossen sein, d. h. es muss gekocht, gebacken, mikronisiert o. ä. behandelt sein. Wenn es das nicht ist, kommt es hinten raus, wie es vorne reingeht. Dasselbe gilt aber auch für uns Menschen. Das ist auch der Grund, warum man Bauchschmerzen von rohem Mehl bekommt. Übrigens, auch Kühe oder Pferde können Getreide oder eine andere Form der Stärke nicht selbst verdauen. Sie haben nur in ihren großen Gärkammern (Pansen bzw. Blinddarm) unzählige Untermieter, die diese Aufgabe für sie übernehmen.

Ist der Hund ein Fleischfresser?

Bevor man über Für und Wider der Zusammensetzung von Hundefutter diskutiert, muss man sich erst einmal klar sein, zu welche Gruppe Hunde überhaupt zählen. Pflanzenfresser, Allesfresser oder Fleischfresser. Auch hier muss man wieder vorsichtig bei seiner Argumentationskette sein. Es geht vorrangig nicht darum, was ein Lebewesen in der freien Wildbahn frisst, sondern wie man es auf natürliche Weise ernähren kann. Oder anders formuliert: Jede Art hat sich über einige tausend Jahre zu seiner heutigen Form entwickelt. Durchgesetzt haben sich hierbei Eigenarten, die den größtmöglichen Erfolg für die Spezies mit sich brachten.

Wie unterscheidet sich die Anatomie von Pflanzen- und Fleischfresser?

Der Aufbau des Körpers gibt den ersten erkennbaren Unterschied zwischen Pflanzen- und Fleischfressern. Hierbei geht es nicht um Größe, Geschwindigkeit oder die Fähigkeit zu fliegen oder lange zu tauchen, sondern um die Möglichkeiten die angebotene Nahrung zu verwerten. Sehr eingängig wurde das von Darwin an Finken demonstriert. Er verglich die Finken auf den Galapagos Inseln miteinander und sah u.a. klare Unterschiede in der Schnabelform. Finken mit dünnen, spitzen Schnäbeln, die Insekten fressen bis hin zu Finken mit breiten kurzen Schnäbeln, die sich auf das Knacken von Nüssen spezialisierten.

Was bei den Finken sehr leicht zu unterscheiden ist, muss bei den Säugetieren teilweise genauer betrachtet werden.

Betrachten wir zunächst den Schädel. Fleischfresser können den Kiefer auf- und zu bewegen, sie haben besonders kräftige Muskulatur zum Festhalten und Zubeißen. Pflanzenfresser hingegen können das Kiefergelenk auch seitlich bewegen und so Nahrung zermahlen. Auf die Zähne will ich an dieser Stelle nur kurz eingehen, da sich hier auch unter den Pflanzenfressern ebenso wie unter den verschiedenen Fleischfressern sehr große Unterschiede finden, je nachdem wo sie ihr Futter finden und was ihre natürliche Hauptnahrungsquelle ist. Hier sind die Unterschiede innerhalb einer Ernährungskategorie bereits so groß, dass es den Rahmen sprengen würde, die einzelnen Zahn- bzw. Gebissarten genau zu unterscheiden. Der Speichel der Fleischfresser enthält in der Regel keine Enzyme, die Verdauung beginnt also erst im Magen, nicht bereits im Mund. Anders verhält es sich beim Pflanzen- oder Allesfresser. Die Länge und Oberfläche des Magen-Darmtraktes unterscheidet sich vorrangig darin, wie schwer die aufgenommene Nahrung zu verdauen ist. Für ausnahmslos alle Tierarten gilt dabei, je höher der Anteil an Faser (Ballaststoffen) ist, desto schwerer verdaulich ist die Nahrung. Besonders viele Ballaststoffe finden sich in Pflanzen, folglich ist der Magen-Darmtrakt der Pflanzenfresser auch besonders lang, damit das schwerverdauliche Material besser verdaut werden kann. Der Magen hat bei allen Tieren dieselbe Funktion: hier wird der Nahrungsbrei mit Salzsäure und Pepsin vermengt und so zersetzt. Unterschiede beim Magen finden sich v.a. in der Hinsicht, ob einer oder mehrere Mägen vorgeschaltet sind, die bei der Verdauung helfen und wie dehnbar er ist oder ob er sich selbst entleeren kann und auch, ob er nur in eine Richtung entleert werden kann. Die tierartlichen Unterschiede finden sich hier insbesondere dadurch wie die Nahrung aufgenommen wird, viel auf einmal oder nach und nach bedächtig. Die Anhangorgane des Verdauungstrakts (Leber, Bauchspeicheldrüse) unterscheiden sich in ihren Funktionen im Großen und Ganzen nicht zwischen den einzelnen Tierarten.

Wie kommen Pflanzenfresser an ihre Energie, wie Fleischfresser?

Jedes Lebewesen braucht verschiedene Nährstoffe, davon sind einige essentiell (müssen zugeführt werden), andere nicht. Jedes Lebewesen braucht zunächst Energie, ohne Energie kann niemand überleben. Energie kann aus Kohlenhydraten, Fett oder Eiweiß gewonnen werden. Letzten Endes besteht auch jeder Körper, pflanzlich wie tierisch, aus diesen Bestandteilen. Hinzu kommen Wasser, Faserstoffe und Mineralien.

Fleischfresser haben einen besonders hohen Bedarf an Proteinen, genauer gesagt an Stickstoff und Aminosäuren, den Hauptbestandteilen von Proteinen. Proteine werden zur Energiegewinnung verwendet, zum Muskelaufbau, aber auch für das Immunsystem oder Stoffwechselvorgänge auf Zellebene. Echte Fleischfresser sind hierbei so sehr spezialisiert, dass sie nach einer Proteinhaltigen Mahlzeit sterben, wenn manch essentielle Aminosäuren fehlen. Wiederkäuer sind hier die Spezialisten unter den Säugetieren. Ihre Mikroben können aus Stickstoff und Kohlenhydraten neues Protein herstellen, das der Wiederkäuer dann nutzen kann. So effizient diese Verdauungsart auch ist, so zeitaufwendig ist sie auch.

Während Fleischfresser viel Energie aus Fett gewinnen können, kann für manche Pflanzenfresser Fett mehr Schaden als Nutzen bedeuten. Das Fett schadet nicht unbedingt den Pflanzenfressern selbst, wohl aber ihren Untermietern. Füttert man einer Kuh z.B. einen zu hohen Fettanteil legt sich dieser wie in Schmierfilm um die Mikroben im Pansen, diese können nicht mehr arbeiten und sterben ab. Und das Absterben der Mikroben hat schlimme Erkrankungen für die Kuh zur Folge.

Wer von Kohlenhydraten spricht, meint in der Regel Stärke. Denn auch Zellwandbestandteile sind genaugenommen Kohlenhydrate. Gemeinsam haben sie, dass sie letztenendes aus vielen Kohlenwasserstoffverbindungen bestehen. Der Unterschied liegt in der Bindung zwischen den Molekülen. Und nur die Verbindung zwischen den Stärkemolekülen kann von der Amylase der Bauchspeicheldrüse aufgeschlossen werden. Wieviel Amylase gebildet wird, ist wieder abhängig davon, ob man ein Pflanzenfresser oder Fleischfresser ist.

Bei den Faserstoffen unterscheiden wir grob drei Typen: fermentierbare, nicht fermentierbare und unverdauliche. Die fermentierbaren Fasern werden bei allen Säugetieren von Mikroben als Energiequelle genutzt, wodurch diese sich vermehren können. So entsteht eine gesunde Darmflora und schlechte Darmkeime werden verdrängt. Wie erfolgreich die Ausbeute ist, is unter anderem Abhängig von der Darmlänge. Der bekannteste Vertreter der fermentierbaren Faserstoffe, ist das Pektin. Zu den nicht fermentierbaren Fasern zählt die Zellulose. Um diese zu spalten benötigt man Cellulase, diese wird nicht von Säugetieren gebildet. Pflanzenfresser wie Pferde oder Wiederkäuer haben aber Untermieter, die Cellulase bilden und für sie die Glucosebausteine aus der Zellulose abbauen können. Für Fleischfresser hingegen ist Zellulose ein reiner Ballaststoff. Lignin ist der unverdauliche Anteil der Faserstoffe. Dabei gilt, dass er tatsächlich für jeden unverdaulich ist, auch für die Bakterien. Ganz grob gesagt, handelt es sich bei Lignin um Holz.

Wie sieht es mit den Besonderheiten anderer Nährstoffe aus?

Generell lässt sich sagen: findet sich ein Nährstoff besonders leicht in der natürlichen Ernährung, hat die Spezies keinen Mechanismus entwickelt, diesen selbst zu bilden oder die Aufnahme aus dem Darm aktiv zu steuern. Auf letzteren Effekt werde ich in den Blogartikeln zu den einzelnen Nährstoffen näher eingehen.

Phosphor

Getreide und Fleisch haben eines gemeinsam: sie sind reich an Phosphor. Allerdings liegt ein entscheidender Unterschied vor. Im Getreide ist der Phosphor zum Teil Phytatgebunden. Um diese spezielle Verbindung aufzubrechen, benötigt das Säugetier Phytase, hat es diese nicht, kann es den enthaltenen Phosphor nicht verwerten. Fleischfresser finden ihren Phosphor in Fleisch, folglich wäre es unnötig Phytase zu bilden.

Vitamin A

Vitamin A wird vorangig in der Leber gespeichert. Fleischfresser kommen also natürlicherweise regelmäßig an Vitamin A. Da Pflanzenfresser keine Leber fressen, müssen sie Vitamin A selber bilden. Hierfür nutzen sie das in Pflanzen enthaltene Beta-Carotin.

Taurin

Taurin ist eine Aminosulfonsäure, die nur in tierischem Gewebe vorkommt. Ein Fleischfresser findet sie bei jeder Mahlzeit. Pflanzenfresser können sie aus Methionin und Cystein selber bilden.

Fettsäuren

Fettsäuren sind die Bausteine der Fette. Unterschieden werden sie in ihrer Länge, in ihren Bindungen, in der Anzahl ihrer Doppelbindungen und darin wo ihre erste Doppelbindung liegt. So kommt es zu der Unterscheidung zwischen kurzkettigen, mittelkettigen und langkettigen Fettsäuren, gesättigte Fettsäuren, die keine Doppelbindungen haben und ungesättigten Fettsäuren, die eine oder mehrere (mehrfach ungesättigte) Doppelbindungen haben. Omega-3, Omega-6 oder Omega-9 Fettsäure drückt dabei aus, wo genau die erste Doppelbindungen bei mehrfach ungesättigten Fettsäuren liegt. Der Organismus eines Pflanzenfressers kann die Fettsäuren recht einfach „neu gestalten“, indem er über Enzyme verfügt, die die Kettenlänge verändern oder auch die Doppelbindungen beeinflussen können. Arachidonsäure, Eicosapentaensäure und Docosahexaensäure (besser bekannt als EPA und DHA) kommen nur in tierischen Organismen vor. Daher ist es naheliegend, dass Fleischfresser diese nicht bilden können.

Vitamin B12

Vitamin B12 ist ein lebensnotwendiges Vitamin. Es ist an mehreren Stoffwechselprozessen beteiligt, insbesondere bei der Blutbildung. Vitamin B12 wird ausschließlich von Bakterien gebildet und kann im tierischen Organismus gespeichert werden. Ein Lebewesen, das nicht über eine ausreichende Anzahl an Mikroben verfügt, die Vitamin B12 bilden und das zudem die Möglichkeit hat, dieses gebildete Vitamin B12 auch aufzunehmen, kann kein Pflanzenfresser sein.

Wie sieht es mit all diesen Besonderheiten nun bei verschiedenen Tierarten aus?

Vergleicht man die drei Tierarten, erkennt man klar, dass das Kaninchen ein Pflanzenfresser ist, während die Katze ein eindeutiger Fleischfresser ist.

Betrachtet man den Hund ganz objektiv in Bezug auf seine Physiologie, erkennt man, dass er sowohl Eigenschaften des Pflanzenfressers als auch Eigenschaften des Fleischfressers auf. Um als Pflanzenfresser durchzugehen, fehlt dem Hund aber grundlegend die Symbiose mit Mikroben. Ein Lebewesen ohne Gärkammer mit Mikroben, kann kein Pflanzenfresser sein. Da Hunde Eigenschaften des Fleisch- und des Pflanzenfressers aufweisen, werden sie sehr häufig auch als Allesfresser bezeichnet. Insgesamt ähneln sich die Eigenschaften des Verdauungstrakts des Menschen und des Hundes durchaus. Dies ist auch nicht weiter verwunderlich, schließlich hat sich der Hund dem Menschen als sein Begleiter angepasst.

Betrachtet man den Hund aber in Bezug auf seine in der Natur vorkommende Nahrung, so würde man ihn eher bei den Fleischfressern einordnen. Selbstständig, also ohne menschliche Hilfe, könnte er auch Kohlenyhdrate nicht so zubereiten, dass er sie verwerten kann.

Wer hat denn nun Recht?

Beide und keiner, ist wohl die treffendste Antwort. Am einfachsten lässt es sich wohl sagen, dass der Mensch ein Herbi-Omnivor ist, während der Hund ein Carni-Omnivor ist. Der Mensch ist also ein Allesfresser mit einem höheren Anteil pflanzlicher Bestandteile, während der Hund ein Allesfresser mit einem höheren Anteil tierischer Bestandteile ist.

Kein Hund braucht Getreide oder Kohlenhydrate, um zu leben oder gesund ernährt zu werden. Ob man ihn mit größtmöglichen Mengen Fleisch und tierischen Nebenerzeugnissen in einer Zeit des Klimawandels ernähren sollte, ist eher eine ethische Frage.

Wenn man einen Hund allerdings mit klassischem BARF, also ohne Futtermittelergänzungen in Form von Pulvern, ernähren möchte, sollte man keine Kalorien an Kohlenhydrate verschwenden. Denn auf die Energieeinheit bezogen, haben die meisten Innereien mehr Vitamine und Spurenelemente als die meisten Kohlenhydrate. Vor allem von denen, die für den Hund wichtig sind. Und gerade bei diesen Nährstoffen kann die eine oder andere BARF Ration tatsächlich knapp bemessen sein.


Quellen:

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Burdge, A. E. Jones, S. A. Wootton (2002). Eicosapentaenoic and docosapentaenoic acids are the principal products of alpha-linolenic acid metabolism in young men. British Journal of Nutrition. 88(4), S. 355–363.

Burdge, G. (2004). Alpha-linolenic acid metabolism in men and women: nutritional and biological implications. Current Opinion in Clinical Nutrition & Metabolic Care. 7(2), S. 137–144.

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Knopf, K., Sturman, J. A., Armstrong, M., & Hayes, K. C. (1978). Taurine: an essential nutrient for the cat. The Journal of nutrition, 108(5), 773-778.

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Lehrbuch der Anatomie der Haustiere. Gesamtausgabe, 5 Bde., Herausgeber Nickel, Schummerle, Seiferl, Parey Verlag, 8. Auflage

Dr. med. vet.
Stephanie Schmitt

Zusatzbezeichnung Ernährungsberatung für Kleintiere, Fachtierärztin für Tierernährung und Diätetik
IVAS zertifizierte Akupunkteurin

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